Alles neu macht der Mai?! Neue Aufgaben und Techniken für Business-Analysten

Als internationales Standardwerk hat sich der Business Analysis Body of Knowledge® (BABOK®) etabliert. Gutes kann man noch besser machen. Daher steht die Version 3 des BABOK zum Public Review, bevor sie endgültig veröffentlicht wird (voraussichtlich zum Jahreswechsel). Aus meiner Sicht gibt es neben vielem Bewährten auch neue Aufgaben und Techniken für Business-Analysten. Zunächst die wichtigsten Infos im Überblick, dann weitere Details zu Aufgaben, Basiskompetenzen und Techniken.

  • Die Definition der Business Analyse wird sich ändern:
    • bisher “Business Analyse ist die Summe der Aufgaben und Methoden, die eingesetzt werden, um zwischen unterschiedlichen Stakeholdern zu vermitteln mit dem Ziel, die Strukturen, Grundsätze und Abläufe eines Unternehmens zu verstehen und zielführende Lösungen zu empfehlen”
    • neu “The practice of enabling change in an enterprise by defining needs and recommending solutions that deliver value to stakeholders
  • In der neuen Definition sind auch die Begriffe des neuen Business Analysis Core Concept Model (BACCM) enthalten: change, context (bzw. enterprise), need, solution, value, stakeholder. Sie bilden die Grundlage für alle Wissensgebiete (s.u.) der Business-Analyse.
  • Neu eingeführt wird ein Kapitel mit den fünf Perspektiven Agile, Business Intelligence, Information Technology, Business Architecture und Business Process Management. Mit ihnen werden die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten der Business-Analyse beschrieben.
    Zu Agilen Vorgehensweisen gibt es hier im ibo-Blog eine Serie von acht Blogartikeln.
    Zu BA und Prozessmanagement siehe bitte folgenden Vergleich und Workshop.
  • Es gibt neue Aufgaben und Techniken für Business-Analysten. Bisherige Aufgaben werden zum Teil neu strukturiert. Hier sind die Ergebnisse der letztjährigen Umfrage eingeflossen.
Die 6 BA-Wissensgebiete mit jeweiligen Aufgaben für Business-Analysten
  • Business Analysis Planning and Monitoring
    Aus bisher sechs Aufgaben werden nun fünf, mit sehr ähnlichen Inhalten: Plan Business Analysis Approach, Plan Stakeholder Engagement, Plan Business Analysis Information Management, Plan Business Analysis Governance, Identify Business Analysis Performance Improvements
  • Elicitation and Collaboration
    Neu ist Collaboration in der Überschrift und die Aufgabe Manage Stakeholder Collaboration. Die bisherigen Aufgaben der Vorbereitung der Erhebung, deren Durchführung und Bestätigung der Erhebungsergebnisse bleiben gleich.
  • Requirements Life Cycle Management
    Zwar neue Kapitelüberschrift, allerdings ähneln die Inhalte dem bisherigen Kapitel Anforderungsmanagement und -kommunikation. Die Aufgaben Anforderungen nachverfolgen und Weiterverwendung planen bleiben ähnlich. Die Priorisierung von Anforderungen wird in dieses Wissensgebiet verschoben. Die Aufgabe Änderungen von Anforderungen bewerten ist nur scheinbar neu; hier werden Inhalte vertieft, die bisher in anderen Aufgaben enthalten waren. Die Genehmigung von Anforderungen bekommt eine neue Überschrift und etwas veränderte Inhalte.
  • Strategy Analysis
    Mit Ähnlichkeiten zum bisherigen Kapitel Unternehmensanalyse (Enterprise Analysis). Hier hatte ich mit der Überschrift Situationsanalyse gerechnet oder mit Business-Case-Erstellung (analog zur ibo-Anforderungstür®).
    Die bisherigen Inhalte werden etwas erweitert und neu strukturiert zu den Aufgaben Aktuellen Status analysieren, Zukünftigen Status definieren, Risiken bewerten, Veränderungsstrategie definieren. Die bisherigen fünf Aufgaben werden also zu vier (analog zu den vier Schritten der ibo-Anforderungstür®).
  • Requirements Analysis and Design Definition
    Mehrere Aufgaben bleiben mit ähnlichen Inhalten erhalten: Anforderungen spezifizieren und modellieren (hier sind nun als ein Unterpunkt die Transitionsanforderungen enthalten, die bisher eine eigene Aufgabe hatten), Anforderungen verifizieren und validieren. Die bisherige Aufgabe Anforderungen strukturieren wird zu Anforderungsarchitektur definieren (mit etwas erweiterten Inhalten).
    Die Aufgabe Lösungsoptionen definieren kommt der bisherigen Aufgabe Lösungsansätze festlegen am nächsten, die bisher im Wissensgebiet Unternehmensanalyse angesiedelt war. Ähnliches gilt für die Aufgabe Potentiellen Wert analysieren und Lösung empfehlen im Vergleich zu bisher Business Case festlegen. Bei beiden Aufgaben wird hier mit mehr operativem Level und weniger strategischen Level gearbeitet, daher die Verschiebung in dieses Wissensgebiet.
  • Solution Evaluation
    Dieses Wissensgebiet ähnelt dem bisherigen Kapitel Lösungsbewertung und -validierung. Der Fokus liegt nun noch stärker auf dem Aspekt der Leistungsüberprüfung (diesen Begriff nutzt die ibo-Anforderungstür®). Dies wird aus den Aufgaben deutlich: Measure Solution Performance, Analyze Performance Measures, Assess Solution LimitationsRecommend Actions to Increase Solution Value.
    Die kulturellen Aspekte werden in der Aufgabe Assess Enterprise Limitations berücksichtigt.
Basiskompetenzen für Business-Analysten (Underlying Competencies)

Die Struktur der Basiskompetenzen mit sechs Kategorien bleibt nahezu unverändert:

  • Analytical Thinking and Problem Solving
  • Behavioral Characteristics
  • Business Acumen (bisher Business Knowledge)
  • Communication Skills
  • Interaction Skills
  • Business Analysis Tools and Technology (bisher Software Applications)

In jeder der sechs Kategorien gibt es allerdings ein oder zwei neue Unterpunkte. So wird z.B. die Kategorie Analytical Thinking and Problem Solving neben den bisherigen Unterpunkten Creative Thinking, Decision Making, Learning, Problem Solving und Systems Thinking ergänzt um die Unterpunkte Conceptual Thinking und Visual Thinking.

Neue und bewährte Techniken für Business-Analysten

Einige Techniken werden umbenannt, z.B. Item Tracking statt Problem Tracking.
Aus bisher 34 Techniken sollen 46 Techniken werden. Neue Techniken sind

  • Backlog Management
  • Balanced Scorecard
  • Business Capability Analysis
  • Business Model Canvas
  • Collaborative Games
  • Decision Modeling (eigentlich nicht ganz neu; die grafischen Ansätze werden aus Decision Analysis in diese Technik verlagert, wie z.B. der auch bisher schon benutzte Entscheidungsbaum)
  • Prioritization (eigentlich nicht ganz neu; die Technik war bisher direkt der Aufgabe Anforderungen priorisieren zugeordnet)
  • Process Analysis (u.a. mit SIPOC und Value Stream Mapping, die für mich auch in der Technik Process Modelling einsortiert werden könnten)
  • Reviews (eigentlich nicht ganz neu, bisher hieß die Technik Structured Walkthrough, nun um weitere Arten des Reviews erweitert)
  • Roles and Permissions Matrix
  • Stakeholder List, Map, or Personas (eigentlich nicht ganz neu, war bisher aber der Aufgabe Conduct Stakeholder Analysis direkt zugeordnet)
  • Workshops (eigentlich nicht ganz neu, bisher hieß die Technik Requirements Workshop, nun allgemeiner auf Workshops ausgerichtet, einzelne Beispiele wie Planungsworkshops werden nicht im Detail behandelt)

 

Resümee

Zu den Veränderungen, die sich für die Version 3 des BABOK abzeichnen, fällt mir ein alter Werbespruch ein: „So riesig werden die Unterschiede nicht sein – riesig nicht, aber fein“  😉

Die aktuelle Version 2 des BABOK nimmt nicht für sich in Anspruch eine Methodik oder ein Vorgehensmodell zu bieten. Dies ist aus meiner Sicht Stärke und Schwäche zugleich: Stärke, weil sich die beschriebenen Aufgaben und Techniken in unterschiedlichen Kontexten einsetzen lassen; Schwäche, weil ein konkreter Handlungsleitfaden sich nicht direkt ableiten lässt. Gleiches wird wohl für Version 3 des BABOK gelten. Daher wird die ibo-Anforderungstür® weiter ihre Daseinsberechtigung haben 😉

Wenn ich an den Entwurf (Draft) zur Version 2 des BABOK zurückdenke und ihn mit der finalen Version 2 vergleiche, so ergaben sich damals noch deutliche Änderungen vom Entwurf zur finalen Version. Es gab vor sechs Jahren ca. 5.000 Rückmeldungen auf den Draft.
Für Version 3 rechne ich mit mehr Rückmeldungen, da die BA-Community in den letzten Jahren immer größer wurde. Vermutlich werden sich die Änderungen am Draft der Version 3 aber in Grenzen halten, da ein hoher Reifegrad bereits erzielt wurde.

Alle Interessierten lädt IIBA ein, sich mit Kommentaren, Vorschlägen und Hinweisen zu beteiligen. Weltweit ist dies bis zum 11. Juli möglich. Die kostenlose und unverbindliche Teilnahme ist nach einmaliger Registrierung möglich: http://content.iiba.org/

Nutzen Sie dieses Jahr, um Ihr IIBA®-Zertifikat zu erwerben. Wenn nächstes Jahr die finale Version des BABOK® mit erweitertem Inhalt erscheint, ergibt sich auch mehr Prüfungsstoff.

Drei Veranstaltungsempfehlungen zum Schluss:

  • Das heutige Montags-Webinar des IIBA Germany Chapter widmet sich dem Thema: „BABOK Guide Version 3 – Evolution oder Revolution“
  • Das nächste Montags-Webinar findet am 29. September statt: „Was Projekt- und Prozessmanagement voneinander lernen können und wie Business Analysten davon profitieren“
  • Das ibo-Trendforum Business-Analyse am 11. November 2014, mit abwechslungsreichem Setting aus 7 Praxisberichten, Pecha Kucha, Diskussionen und Networking

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