Die getesteten Schüler von heute sind die Auszubildenden von morgen – vier konkrete Handlungsfelder für Organisation und Personalentwicklung
Die gerade veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 zeigen für Deutschland erneut sinkende Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Für Unternehmen ist das mehr als eine bildungspolitische Nachricht. Die getesteten Jugendlichen erreichen in Kürze das Ausbildungsalter und sind die Fachkräfte von morgen. Der Beitrag ordnet ein und beschreibt vier Handlungsfelder für Ausbildung und Personalentwicklung.
Die Ergebnisse wirken auf den Ausbildungsmarkt
PISA untersucht, wie gut 15-jährige Schülerinnen und Schüler Wissen anwenden, komplexe Probleme bearbeiten, kritisch denken und verständlich kommunizieren können. Damit misst die Studie Kompetenzen, die auch für Ausbildung, Studium und Arbeitsleben bedeutsam sind.
Die 2025 getesteten Jugendlichen wechseln bald in Ausbildungsbetriebe, weiterführende Schulen und Hochschulen. Die Ergebnisse sind daher ein Frühindikator für Lernvoraussetzungen künftiger Nachwuchskräfte. Sie erlauben keine Aussage über einzelne Bewerberinnen und Bewerber und keine direkte Prognose ihres Berufserfolgs. In der Breite zeigen sie jedoch, wo Ausbildungsorganisationen mit zusätzlichem Förderbedarf rechnen müssen.
Zentrale Ergebnisse
Im Schwerpunktbereich Naturwissenschaften erreichten Jugendliche in Deutschland durchschnittlich 486 Punkte. Im Lesen waren es 465 Punkte, in Mathematik 464 Punkte. Deutschland liegt damit jeweils knapp über dem OECD-Durchschnitt. Gegenüber 2022 gingen die deutschen Werte jedoch um sieben Punkte in den Naturwissenschaften, 15 Punkte beim Lesen und elf Punkte in Mathematik zurück.
Die Durchschnittswerte verdecken eine für die berufliche Bildung wichtige Verteilung. 26,8 Prozent der Jugendlichen erreichen in den Naturwissenschaften nicht das grundlegende Kompetenzniveau. Beim Lesen und in Mathematik liegt der Anteil bei rund einem Drittel. Gleichzeitig gehören knapp zehn Prozent in den Naturwissenschaften zur Leistungsspitze. Unternehmen treffen folglich nicht auf einen einheitlich schwachen Jahrgang, sondern auf stark unterschiedliche Lernvoraussetzungen.
Was Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften im Arbeitsprozess bedeuten
Lesekompetenz ermöglicht, fachliche Informationen zu erfassen, relevante Aussagen auszuwählen und mehrere Quellen zusammenzuführen. Im Unternehmen betrifft das beispielsweise Arbeitsanweisungen, Verträge, Kundenkommunikation, Prozessdokumentationen sowie interne und externe Regeln.
Mathematische Kompetenz wird benötigt, um Mengen, Kosten, Laufzeiten, Kennzahlen und Wahrscheinlichkeiten zu beurteilen. Naturwissenschaftliche Kompetenz unterstützt ein systematisches Vorgehen bei der Analyse von Ursachen, der Prüfung von Annahmen und der Bewertung von Evidenz.
In Arbeitsprozessen wirken diese Fähigkeiten zusammen: eine Fachkraft muss Informationen verstehen, Daten einordnen und daraus eine begründete Handlung ableiten. PISA misst nicht die vollständige berufliche Handlungskompetenz. Fachwissen, praktische Erfahrung, soziale Kompetenz, Motivation und Verantwortung kommen in Ausbildung und Beruf hinzu. Schwache Basiskompetenzen erschweren jedoch den Erwerb dieser weiterführenden Fähigkeiten.
KI verändert die Arbeitswelt und setzt Urteilsfähigkeit voraus
Generative KI kann Texte erläutern, Rechenwege vorschlagen, Daten auswerten und erste Lösungsentwürfe erstellen. Dadurch sinkt der Aufwand für einzelne Arbeitsschritte. Die fachliche Kontrolle bleibt dennoch erforderlich.
Beschäftigte müssen erkennen können, ob eine KI die Ausgangsfrage richtig verstanden hat, Quellen angemessen verwendet und plausible Ergebnisse liefert. Dafür benötigen sie Leseverständnis, quantitative Grundbildung, fachliche Kenntnisse und kritisches Denken. KI kompensiert fehlende Basiskompetenzen daher nur begrenzt. Bei unkritischer Nutzung kann sie vorhandene Verständnislücken sogar verdecken.
Ein positiver Ansatzpunkt ist vorhanden: rund 60 Prozent der deutschen Jugendlichen berichten, im Unterricht gelernt zu haben, KI-generierte Informationen zu bewerten. Unternehmen können daran anknüpfen und die Prüfung von KI-Ergebnissen systematisch in Ausbildung und Weiterbildung integrieren. Für die Aus- und Weiterbildung bedeutet das:
- Standardprompts je Ausbildungsberuf definieren
- Quellenprüfung üben und verpflichtend dokumentieren
- Vier-Augen-Prinzip einführen, insbesondere für kritische KI-Ergebnisse
- „Explain your work“: Rechenwege und Herleitungen nachprüfbar offenlegen
- Feedbackschleifen implementieren, Fehlerraten messen, Prompts iterativ verbessern
Soziale Herkunft beeinflusst den Zugang zu Kompetenzen
Der soziale Hintergrund erklärt in Deutschland einen deutlich höheren Anteil der Leistungsunterschiede als im OECD-Durchschnitt. Zwischen dem sozial begünstigten und dem benachteiligten Viertel liegen in den PISA-Ergebnissen signifikante Abstände. Für das Recruiting entsteht ein Zielkonflikt: hohe formale Eingangsvoraussetzungen reduzieren kurzfristig den Förderaufwand, können aber Bewerberinnen und Bewerber ausschließen. In einem knappen Arbeitsmarkt spricht vieles für Auswahlverfahren, die neben den reinen Schulnoten vor allem Lernpotenzial, Motivation und Entwicklungsmöglichkeiten berücksichtigen.
Vier Handlungsfelder für Unternehmen
1. Basiskomeptenzen: Unternehmen sollten die für einen Ausbildungsberuf oder einer Stelle tatsächlich erforderlichen Basiskompetenzen definieren. Konkrete Anforderungen an Leseverständnis, Rechnen, Problemlösung und digitale Urteilskraft lassen sich diagnostizieren und fördern, z.B. mit
- Kurzdiagnostik im Onboarding: Lesen und Verstehen, Mathematik, Fähigkeiten zur Problemlösung
- Skill-Matrix für Rollen und Stellen: Mindestanforderungen je Beruf transparent machen
- Personalisierte Förderbausteine und individuelle Lernziele definieren
2. Differenzierte Lernpfade: Heterogene Lernstände erfordern unterschiedliche Wege zum Ziel. Kurze Lernstandserhebungen zu Beginn, Lernzeiten im Arbeitsprozess, verständliche Materialien und individuelles Feedback können Defizite beheben, bevor sie sich in Prozessfehlern oder Prüfungen zeigen. Leicht umsetzbar sind
- 70–20–10-Regel: Lernen im Prozess, ergänzt durch Coaching und Learning Nuggets
- Feste Lernzeiten und Lernaufgaben in Arbeitsschichten integrieren
- Microlearning-Bibliothek anlegen und Mentoring implementieren
3. Zusammenarbeit mit Bildungsträgern: Unternehmen sollten die Zusammenarbeit mit Berufsschulen und Weiterbildungsakademien ausbauen. Abgestimmte Lernziele, ein regelmäßiger Austausch über Lernfortschritte und gemeinsame Unterstützungsangebote sorgen dafür, dass schulische und betriebliche Bildung integriert funktionieren, z.B. durch
- Regelmäßige Abstimmung zu Lernzielen und Lerninhalten
- Angebote zu Lernstandsdiagnostik und individuellen Fördermöglichkeiten
- Gemeinsame Projekte wie praxisrelevanten Transferaufgaben mit Reflexion
4. Verständliche Arbeitsorganisation: Unverständliche Anweisungen, inkonsistente Dokumentationen und unnötig komplizierte Prozesse belasten nicht nur Auszubildende und Beschäftigte. Klare Sprache, visualisierte Abläufe und erreichbare Ansprechpersonen verbessern Lernen und Prozessqualität zugleich. Dies kann schon heute realisiert werden durch
- Lesbarkeits- und Verständlichkeits-Check für Unterlagen aller Art
- Graphische Prozessdarstellungen konsequent nutzen, z. B. SIPOC, Swimlane, BPMN
- „Leichte Sprache“ anstatt „Bürokratie-Deutsch“ auch in Prozess- und Projektdokumentationen verankern
Nehmen Sie die Herausforderung an: Ihre 90-Tage-Challenge
Bereiten Sie sich schon jetzt aktiv auf die Herausforderungen vor mit dieser pragmatischen 90-Tages-Challenge, wir unterstützen Sie gerne dabei:
| 1.-2. Woche | Basiskompetenzen je Stelle und Rolle definieren |
| 3.-5.Woche | Lernpfade, Lernziele und Lernzeiten festlegen |
| 6.-8. Woche | Unternehmensregeln, Prozessbeschreibungen und Projektdokumente auf Lesbarkeit und Verständlichkeit prüfen; Visuelles Management implementieren |
| 9.-12. Woche | Kooperation mit Bildungsträgern etablieren; KI-Unterstützung und Bildungs-Checklisten pilotieren |
Berufliche Bildung muss Entwicklung organisieren
PISA 2025 verweist auf ein langfristiges Risiko für den Fachkräftemarkt und zeigt zugleich Ansatzpunkte. Viele Jugendliche bringen Lernbereitschaft mit. Unternehmen können schulische Defizite nicht allein beheben, aber Entwicklung systematisch ermöglichen: durch gezielte Diagnostik, differenzierte Lernpfade, Kooperation mit Bildungsträgern und eine verständliche Arbeitsorganisation. So wird aus einem bildungspolitischen Befund ein konkreter Gestaltungsauftrag für Unternehmen.
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Quellen / Linktipps:
- OECD: PISA 2025 Results, Country Note Germany, 8. September 2026 https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2026/09/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_88d1164e/germany_20677961/44abd042-en.pdf
- OECD PISA 2025 Ergebnisse (Band I – Auszugsweise Übersetzung)
https://www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i-auszugsweise-ubersetzung_1562a447-de.html - TUM Technische Universität München: PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand, 8. September 2026 https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/pisa-ergebnisse-auf-neuem-tiefstand
- WirtschaftsWoche: „Billionenbeträge gehen verloren“ – Ökonom nennt Pisa-Ergebnisse eine Gefahr für den Wohlstand, 8. September 2026 https://www.wiwo.de/politik/deutschland/pisa-studie-2026-deutschland-schneidet-im-ranking-historisch-schlecht-ab/100252852.html
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