Wird die Business-Analyse neu erfunden?

Als eines der Standardwerke rund um Anforderungen hat sich der BABOK (Business Analysis Body of Knowledge) etabliert. Seit ca. 10 Jahren bietet er eine Sammlung von Wissensgebieten, Aufgaben, Techniken, Basiskompetenzen und Perspektiven, wie das Arbeiten rund um Anforderungen gelingen kann.

Die letzte Version des BABOK (V2) wurde 2009 veröffentlicht. Zeit also für ein Update. Oder ist es gar ein Upgrade? Antworten dazu weiter unten.
Nachdem ich am Review beteiligt war und bei der Übersetzung mitwirken durfte, bin ich natürlich gespannt, was sich in V3 ändert, was gleich bleibt. Wird die Business-Analyse neu erfunden?
Die wichtigsten FAQ zum BABOK V3.

Welche Zielsetzungen verfolgt die neue Version?
  • neue Inhalte aufnehmen, die sich in der Praxis etabliert haben,
  • den größeren Umfang des Berufsbildes Business-Analyst berücksichtigen,
  • Lessons Learned der Praktiker einarbeiten, die mit der bisherigen Version 2 gearbeitet haben,
  • Lesbarkeit und Benutzbarkeit des Texts und der Grafiken verbessern,
  • Konsistenz zu anderen generell akzeptierten Standards verbessern, die in Verbindung zur Business-Analyse stehen
Welche größeren Änderungen gibt es?
  • das Business Analysis Core Concept Model™ (BACCM™) wurde eingearbeitet, um sechs zentrale Begriffe zu definieren: change, context, need, solution, value, stakeholder
  • eine neues Kapitel mit fünf Perspektiven, die die speziellen Einsatzmöglichkeiten von Business-Analysten beschreiben:
    • Agile (zu Agilen Vorgehensweisen gibt es hier im ibo-Blog eine Serie von acht Blogartikeln)
    • Business Intelligence,
    • Information Technology,
    • Business Architecture (auch zu Unternehmensarchitektur/EAM finden Sie Artikel hier im Blog: z.B hier und hier),
    • Business Process Management (zu BA und Prozessmanagement siehe bitte auch folgenden Vergleich).
  • neue und erweiterte Basiskompetenzen (Underlying Competencies), die besser die verschiedenen Skills von Business-Analysten reflektieren sollen (z.B. Visuelles Denken, Methodenwissen)
  • 15 neue Techniken, wie Business-Analysten ihre Aufgaben durchführen können, z. B. Backlog Management, Collaborative Games. Wobei nicht alle wirklich neu sind; so gab es z.B. auch schon im BABOK V2 Erläuterungen, zur Priorisierung, die nun in der Technik „Prioritization“ aufgehen
  • die Verbindungen und Unterschiede zwischen Anforderungen und Design wurden eingearbeitet
Wie lautet die (neue) Definition von „Business Analysis“?
  • „Business analysis is the practice of enabling change in an enterprise by defining needs and recommending solutions that deliver value to stakeholders.“ Business-Analyse sind die Tätigkeiten, um Veränderung in einem Unternehmen zu ermöglichen, indem Bedürfnisse definiert und Lösungen vorgeschlagen werden, die einen (Mehr-) Wert für Stakeholder liefern.
  • Meine (natürlich inoffizielle) Übersetzung behält zwei Originalbegriffe: Business und Stakeholder. Auch diese beiden Begriffe lassen sich natürlich übersetzen (z.B. mit Organisation und Zielträger), haben sich m.E. allerdings bereits „eingebürgert“.
Wann findet „Business Analysis“ statt?
  • BABOK V2 hatte noch stark die „Projekt-Brille“ auf, d.h. Business-Analyse wurde häufig in einem Projektkontext beschrieben. Und häufig wurden die Veränderungen auf IT-Lösungen bezogen.
  • BABOK V3 ergänzt nun, dass Business-Analysten nicht nur in Projekten, sondern auch in der Organisationsentwicklung und im Rahmen kontinuierlicher Verbesserungen arbeiten. Dazu kommen die o.a. fünf Perspektiven, von denen eine Perspektive „Information Technology“ ist.
Wie lautet die (alte und neue) Definition von „Business Analyst“?
  • „A business analyst is any person who performs business analysis tasks described in the BABOK® Guide, no matter their job title or organizational role.“
  • Eine meiner Lieblingssätze findet sich also auch in der neuen Version 🙂
    Wenn ich nämlich unsere Seminarteilnehmer oder Workshopbeteiligten frage, wie ihre Rolle oder Stelle heißt, bekomme ich häufig nicht „Business Analyst“ zu hören, sondern z.B. Projektleiter oder Business Consultant.
    Gemeinsam ist allen, dass sie Informationen zusammentragen und analysieren, um die Bedürfnisse einer Organisation bzw. von Stakeholdern zu ermitteln.
Wie heißen die Wissensgebiete (und damit die Hauptkapitel des BABOK)?
  • Business Analysis Planning and Monitoring (bleibt namentlich gleich):
    die eigenen Aufgaben als Business-Analyst organisieren und die Zusammenarbeit mit den Stakeholdern planen
  • Elicitation and Collaboration („Kommunikation“ ist aus dem Folgekapitel hierhin verschoben, Kapitel wurde erweitert um Collaboration):
    Anforderungsermittlung vorbereiten und durchführen, die Erhebungsergebnisse bestätigen lassen; fortlaufende Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Stakeholdern sicherstellen
  • Requirements Life Cycle Management (bisher „Requirements Management and Communication“, Communication ist ins Vorkapitel verschoben):
    Anforderungen und Designinformationen von der ersten Idee bis zu ihrer „Pensionierung“ managen und pflegen; Verbindungen zwischen diesen herstellen; Veränderungen derselben prüfen, analysieren und abstimmen
  • Strategy Analysis (bisher „Enterprise Analysis“, nun mit breiterem Fokus):
    den Ist-Zustand verstehen, den Soll-Zustand definieren, eine Veränderungsstrategie entwickeln und die Risiken dieser Veränderungsstrategie untersuchen
  • Requirements Analysis and Design Definition (RADD, erweitert um „Design Definition“):
    Anforderungen strukturieren und organisieren, Anforderungen/Design spezifizieren und modellieren, Informationen validieren und verifizieren, Lösungsoptionen identifizieren, deren (Mehr-) Wert abschätzen
  • Solution Evaluation (bisher „Solution Assessment and Validation“, der Name soll nun einprägsamer sein):
    Performance und (Mehr-) Wert einer Lösung überprüfen; Hindernisse beseitigen, die einer Lösung im Wege stehen

Die folgende Grafik zeigt die Beziehungen der Wissensgebiete (Abb. 1.4.1 des BABOK V3).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bietet der BABOK ein Vorgehensmodell?

Nein. „Business analysts perform tasks from all knowledge areas sequentially, iteratively, or simultaneously. The BABOK® Guide does not prescribe a process or an order in which tasks are performed.“ Auch die Reihenfolge der Wissensgebiete bietet kein Vorgehensmodell.
Unsere Trainingsteilnehmer schätzen daher die ibo-Anforderungstür® sehr (eine Kurzbeschreibung finden Sie in der unteren Hälfte dieser Seite).

Wann gib es die deutsche Ausgabe?

Schon beim BABOK V2 hat die Abstimmung, Übersetzung und Veröffentlichung etwas gedauert. Dies ist auch bei der neuen Version so. „Qualität vor Schnelligkeit“. Im Spätsommer oder Herbst sollte es soweit sein.

Wie geht es weiter?

In zukünftigen Blogartikeln werde ich einzelne Aspekte des BABOK V3 näher beleuchten. Schreiben Sie Ihre Vorschläge gerne in die Kommentare unten oder mailen Sie mir.

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